Das Projekt „Geschichte Schreiben“ bietet Raum für Geschichten, die selten oder gar nicht gehört oder erzählt werden. Es verbindet Elemente der Systemischen Beratung, des Kreativen Schreibens und der Narration. Ziel ist es, die Selbstwirksamkeit, Akzeptanz und Anerkennung von Menschen zu fördern, die als Expert:in und Autor:in des eigenen Lebens aktiv sein wollen.
Auf der Website sind Geschichten versammelt, die in den Jahren 2021-2023 und seit 2026 von Autor:innen im Alter von 3-91 Jahren verfasst wurden. Sie sind in verschiedenen Beratungs- und Projektkontexten entstanden und wurden auf expliziten Wunsch zur Veröffentlichung freigegeben. Die Geschichten sind als zufälliges Mosaik angeordnet, das keine Hierarchie oder Reihenfolge zulässt, da es sich bei jedem Zugriff neu sortiert. Auf diese Weise symbolisieren die Geschichten eine Ebene der Gleichheit aller Menschen. Die Geschichten werden zwar geteilt, sie bleiben aber unverfügbar, indem sie ihre Position ständig ändern. Die Website lädt dazu ein, jenseits von Spaltung und Moralisierung in einen Austausch über die Vielfalt der Lebenswelten zu kommen und dabei die individuellen Geschichten hinter den Meinungen zu sehen.
Als ein Handlungsansatz für die Soziale Arbeit in Beratungs- oder Gruppenkontexten kann das Geschichteschreiben genutzt werden, um Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit zu stärken. Im Zentrum steht dabei die Fähigkeit zur Thematisierung herausfordernder Konstellationen, die als Schlüsselkompetenz für die individuelle Lebensbewältigung gilt (vgl. Böhnisch 2023). Es wird angenommen, dass Menschen an die Grenze ihrer Bewältigungsfähigkeit geraten, weil es in ihrer Biografie „Erfahrungen gab, die sie verletzbar, hilflos und damit sozial stumm gemacht haben“ (Böhnisch 2023, S. 40). Diese Erfahrung möchte der Ansatz mithilfe von kreativen und spielerischen Mitteln durchbrechen. Dabei kommt der Narration eine besondere Bedeutung zu, weil sie das Kohärenzerleben fördert, das für die Herausbildung von Identität, von Resilienz und Gesundheit ein zentraler Faktor ist (Böhnisch 2021, S. 30).
Spätestens seit der Jahrtausendwende wird angenommen: „Kohärenz wird über Geschichten konstruiert!“ (Keupp 1999). Diese Kraft der Narration machen sich therapeutische und pädagogische Ansätze in der Biografiearbeit zu Nutze und betonen ihre Relevanz für ein Leben in der Postmoderne, in der die Freiheit und zugleich die Unsicherheit in der Identitätsbildung zugenommen habe (vgl. DBSH 2022, S. 52). In der Forschung wird angenommen, dass Geschichten nicht nur für das Individuum, sondern auch für das Miteinander und die Gesellschaft eine große Bedeutung haben. Dies wird gegenwärtig durch einen „Narrative Turn“ (vgl. Thole/Dollinger 2025) bestärkt, der zum Ausdruck bringt, dass Narrative das Selbstverständnis nicht nur wiedergeben, sondern konstituieren. Dies ist eng mit der konstruktivistischen Vorstellung verbunden, dass die Wirklichkeit sozial konstruiert wird. Dies kann bewusst oder unbewusst, individuell oder kollektiv geschehen (vgl. Schechtman 2011).
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wer die Geschichten erzählt, die das Selbstverständnis so sehr prägen, wer davon profitiert, wer wem was zuschreibt, wer gehört und wem geglaubt wird. Miranda Fricker (2024) betrachtet epistemische Ungerechtigkeit als eines der wichtigsten Probleme der Gegenwart. Auch in der Sozialen Arbeit wird machtkritisch gefragt, wie sich der „Narrative Turn“ gewinnbringend für die Ziele der Sozialen Arbeit (vgl. Thole/Dollinger 2025), zur Förderung sozialer Gerechtigkeit und der Selbstbestimmung aller Menschen, nutzen lässt.
Die Fragen nach epistemischer Macht gehen zudem mit einer wachsenden Problematik der Einsamkeit einher (vgl. KNE), die ganz unterschiedliche Gründe und Formen wie ethische, existentielle, inter- oder intrapersonelle Isolation umfassen kann (Ernst 2024; Yalom 2010; Stauffner 2015). Für alle Formen von Einsamkeit spielt die Fähigkeit zur Kommunikation, zur Thematisierung und zur Verbindung eine entscheidende Rolle – umgekehrt aber auch die Exkommunikation, die soziale Exklusionsprozesse fördert und die Erfahrung von Sinn und Verbindung stört (vgl. Retzer 2004). Dies zeigt, dass nicht nur Kommunikation im Allgemeinen, sondern eine Kommunikation von Nöten ist, die Raum für Selbstwirksamkeit, Akzeptanz und Anerkennung bietet.
In dieser Arena bewegt sich das Projekt als ein experimenteller Ansatz, der bottom-up nach Möglichkeiten sucht, um die Arbeit mit Narrationen sinnvoll für die Förderung von Autonomie und sozialer Gerechtigkeit einzusetzen. Das Projekt ist gemeinnützig und versteht sich als co-produktiver Prozess. Über Anregungen, Beiträge und Austausch freue ich mich sehr!
E-Mail: norakassani@gmx.de
Quellen
- Böhnisch, Lothar 2023. Lebensbewältigung. Ein Konzept für die Soziale Arbeit. 3. überarb. Aufl. Weinheim/Basel.
- DBSH e.V. 2022. Biografiearbeit. Wie Identität entsteht. Forum sozial 3/2022. Berlin.
- Ernst, Mareike 2024. Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen. München.
- Fricker, Miranda 2024. Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und Ethik des Wissens. Berlin.
- Keupp, Heiner 1999. Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek.
- KNE (Kompetenznetz Einsamkeit am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.) Online: https://kompetenznetz-einsamkeit.de/ (letzter Zugriff 13.2.2026)
- Retzer, Arnold 2004. „Die Wiedereinführung des Exkommunizierten in Kommunikation“. In Ders. Systemische Familientherapie der Psychosen. Göttingen, S. 96-102.
- Schechtman, Marya 2011. „The Narrative self“. In: Gallagher, Shaun (Hg.). The Oxford Handbook of the Self. Oxford, S. 394-416.
- Stauffner, Jill 2015. Ethical Loneliness. The Injustice of not Being Heard. New York.
- Thole, Werner/Dollinger, Werner 2023. „Narrationen und Soziale Arbeit. Anmerkungen zur Bedeutung des Narrativen für die Forschung, Theorie und Handlungspraxis Sozialer Arbeit“. In Soziale Passagen 15, S. 7-21.
- Yalom, Irvin D. 2010. „Existentielle Isolation“. In Ders.: Existentielle Psychotherapie. 5. Aufl. Gevelsberg, S. 411-433.
Danke
Danke an alle Autor:innen für ihre Offenheit und die Bereitschaft, ihre Geschichten zu teilen. Danke an Toby Timm für die Gestaltung der Website.

